Nordkap, Weite und das, was bleibt
Letztes Jahr waren sieben Wochen Norwegen geplant. Daraus wurden vier Tage Saarland. Diesmal wollten wir wirklich nach Norwegen. Vielleicht bis zum Polarkreis. Als mein Mann von Menschen las, die mit einem Traktor zum Nordkap gefahren waren, sagte ich: „Wenn die das schaffen, warum sollten wir es nicht mit unserem Auto und dem Hänger hinbekommen?“ Aus einer beiläufigen Idee wurde ein gemeinsames Ziel.
Und ob wir es erreichen würden, wussten wir nicht.
Aufbrechen
Am ersten Tag geht unser Auto kaputt. Die Kupplung muss erneuert werden, die Fähre ist nicht mehr zu erreichen. Also buchen wir um. Kurz überlegen wir, wieder nach Hause zu fahren. Wenn es schon so anfängt! Und dann 1.400 Euro für die neue Kupplung. Aber nur kurz.
Aufgeben ist keine Option.
Plötzlich haben wir ein paar Tage an der dänischen Nordsee. Sand. Hügel. Weiche Rundungen. Fast eine einzige große Düne.
Dann Norwegen. Fels. Hart. Kantig. Schroff. Ein anderes Licht. Intensivere Farben.
Hinter jeder Kurve, hinter jedem Hügel gibt es etwas Neues zu bestaunen und zu bewundern. Immer wieder öffnet sich ein anderer Blick auf diese wilde, großartige Landschaft. Weiter im Norden werden die Bäume immer kleiner und weniger. Irgendwann verschwinden sie ganz. Am Boden wachsen Moose, Flechten und kleine Pflanzen. Manche blühen noch, obwohl die Zeit dafür dort oben so kurz ist.

Für uns ist das eine andere Welt. Für die Menschen dort ist es Zuhause. Sie gehen zur Arbeit, Kinder zur Schule, am Dienstagabend vielleicht zur Chorprobe.
Und wir fahren weiter nach Norden.
Unterwegs
Irgendwann finden wir unseren Rhythmus.
Morgens die Handgriffe am Hänger. Bremse offen? Stützfüße oben? Blinker? Abreißseil?
Go und Gas geben.
Abends stellen wir den kleinen Hänger ab, in dem mein Mann schläft. Dort hat er ein richtiges Bett und kann sich festhalten. Ich schlafe daneben im Auto, auf einer dicken Faltmatratze. In Rufbereitschaft.
Wir holen die Stühle heraus und trinken einen Anleger. In Norwegen alkoholfrei – wir werden zwangsläufig zu Abstinenzlern.
Erst ankommen. Dann den Rest erledigen.
Nordkap
Ich verfolge den Wetterbericht schon seit mehreren Tagen.
Für einen bestimmten Tag ist klare Sicht angekündigt. Danach soll wieder eine ganze Woche Regen kommen. Ich will unbedingt an diesem Tag dort oben sein.
Also fahre ich am Tag davor rund vierhundert Kilometer. Für mich ist das eine enorme Anstrengung. Ich muss alle Kräfte mobilisieren, um das zu schaffen.
Und auch der Parkinson meines Mannes ist immer mit dabei. Wie eine ungebetene dritte Person in unserer Beziehung. Manchmal hält sich die Krankheit im Hintergrund und lässt uns machen. Und manchmal wirft sie innerhalb von zehn Minuten alle Pläne über den Haufen. Wir wissen nie genau, wann sie sich einmischt.
Am nächsten Tag geht es weiter. Bis zum Nachmittag dauert es, bis wir endlich dort oben sind.
Und dann sind wir da.
Nordkap.
Das Nordmeer.
Der Horizont.
Nichts, was den Blick begrenzt.
Nichts, woran er sich festhalten kann.
Nur diese Weite.
Diese Unendlichkeit.
Ich stehe dort und staune.
Nicht stolz.
Nicht triumphierend.
Demütig.
Wir haben es geschafft.
Als wir wieder aufbrechen, weine ich.
Ein Teil von mir ist auf Magerøya geblieben.
Der Rückweg
Finnland. Schweden. Tagelang geradeaus. Rechts Wald, links Wald. Kaum Verkehr. Kein neuer Ausblick. Keine Überraschung. Nur wieder Wald.
Nach Norwegen ist das ein Schock. Dort öffnet sich hinter jeder Kurve, hinter jedem Hügel ein neuer Blick. Jetzt fahren wir durch eine Landschaft, die sich kaum verändert.
Die Weite ist weg.
Manchmal schaue ich nach oben. Unten Wald. Oben Weite. Wolken, weit und frei.
„Die Schweden haben einen schönen Himmel“, sage ich.
Nach drei Wochen Rückweg machen wir noch einmal Halt an der dänischen Nordsee. Drei Tage bleiben wir, bevor es nach Hause geht.
Was bleibt
Doch zu Hause bin ich noch lange nicht angekommen.
Ich bekomme einen richtigen Crash. Ich weine viel. Mein Körper ist zurück, aber innerlich bin ich noch auf Magerøya.
Als ich meine elektrische Zahnbürste wieder an ihren Platz im Badezimmerschrank stelle, räume ich den ganzen Schrank aus. Alles darin erscheint mir plötzlich überflüssig. Meine Haarbürste darf bleiben. Sechs Wochen lang habe ich sie nicht benutzt. Nach dem Duschen fuhr ich einfach mit den Fingern durch meine welligen Haare. Der Wind am Nordkap macht ohnehin jede Frisur zunichte, und niemanden interessierte, wie ich aussah.
Die Landschaft dort oben.
Das Karge, das Schroffe, das Kantige.
Nichts beschönigen. Nichts verschleiern. Nichts, was den Blick verstellt.
Vielleicht erkenne ich etwas von mir darin.
Zu Hause wird es sofort wieder eng. Termine, Verantwortung, der Alltag.
Die Sehnsucht nach dieser Weite bleibt.
Nicht nur nach dem Nordkap. Nicht nur nach der Landschaft.
Nach diesem Gefühl, vor etwas zu stehen, das so weit ist, dass mein Blick und meine Gedanken nicht bis ans Ende reichen.
Wie kann ich mir diese Weite im Inneren bewahren, wenn es um mich herum eng wird?
Ich weiß es noch nicht.
Aber ein Teil von mir ist noch immer dort.








